Nach zwei Tagen und zwei Nächten in Vasilikos auf Megalonissos reicht’s mir. Der Wind bläst ohne Unterlass Tag und Nacht vom Land her über die Bucht, böig und mit bis zu 30 Knoten. Das Boot zerrt an der Ankerkette und schwoit hin und her, der Wind heult in der Takelage. In einem Moment greift er unter das Dinghi, das ich an einer Leine angebunden habe, und dreht es es im Wasser um.

Ich will weiter. In Andros und Tinos bläst es noch mehr, davon hab ich jetzt genug gesehen. Ich will meine Reise um Euböa nach Nord fortsetzten, also in das Gebiet zwischen Euböa und dem Festland.

Aber ich bin vorbereitet. Die Fock habe ich gegen eine Sturmfock ausgetauscht, kaum handtuchgroß, in das Großsegel ist noch immer das zweite Reff eingebunden. Frühmorgens gehe ich Anker auf und mache mich auf den Weg.

Daß er mich bis nach Eretria führen wird weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Aus der Bucht raus geht es morgens um sechs mit 30 Knoten, und damit ist der Ton für den Tag gesetzt. Der Wind weht mir stark aus Nord-Ost entgegen und lässt mich einen Tag lang aufkreuzen. Im Zick Zack arbeite ich mich nach Norden hinauf, im Funk ständig die Verkehrsleitstelle von Raffina, die den westlichen Schiffsverkehr von und nach Athen koordiniert.
Aber die Sturmfock und das zweite Reff bewähren sich.

Im Vergleich zum Trip nach Karystos sind 30 Knoten ein Kindergeburtstag, das Segeln ist mühelos.
Natürlich bin ich damit nicht zufrieden. Als der Wind einen Moment zu schwächeln scheint setze ich zusätzlich den Klüver, das Segeln wird zur Rauschefahrt. Aber der Spaß dauert nur kurz. Minuten später habe ich wieder 28 Knoten auf der Anzeige, und zwei Meter Wellen sind auch dabei. Beim Versuch den Klüver zu bergen rauscht mir ein Schot aus und vertüdelt sich in Sekundenschnelle unauflösbar in einer Want. Ich muß das Schot mit dem Messer kappen, nur mit Mühe gelingt es mir anschließend das Segel zu bergen, das dabei wild im Wind schlägt. Au Backe, wieder was gelernt!
Alle vorab gemachten Überlegungen auf einen Anleger in einer der Buchten Euböas auf dem Weg nach Norden lasse ich aufgrund des starken Windes fallen. Die Wetterkarte verspricht mit erst nördlich von Aghios Dimitrios ruhigere Bedingungen für den Abend, und so segle ich immer weiter hinauf. Gegen sieben Uhr abends erreiche ich dann Eretria, und der Wind legt sich tatsächlich. Ich ankere im großen, gut geschützten Hafen und gehe an Land.
Eretria ist heute ein beliebter Badeort mit einer richtigen Ausgehmeile. Restaurant reiht sich an Restaurant, die Touristen flanieren von Bar zu Bar, die Kinder spielen bis spät in die Nacht hinein auf der Straße, Tische biegen sich unter Bergen von Essen und Getränken.


Ich nehme einmal Makaronia tou Psara und falle dann ins Bett. Vom Land her höre ich die musikalische Unterhaltung der Restaurants, 10 verschiedene auf einmal.
Am nächsten Morgen mache Bestandsaufnahme. Der Klüver hat bei der missglückten Reffaktion Schaden genommen, einige Nähte sind aufgegangen und müssen nachgenäht werden. Ich finde einen Segelmacher in Chalkida, der mir das Segel repariert. Bei der Gelegenheit kann ich auch schon mal einen ersten Blick auf die alte Drehbrücke von Chalkida werfen, die ich die nächsten Tag auf meinem Weg weiter nach Norden passieren möchte. Doch davon später mehr.

Mit repariertem Segel entschließe ich mich, einen weiteren Tag vor Ort zu bleiben und etwas Maintenance am Boot zu betreiben, Salz und Sonne der vegangenen Wochen haben den Holzstellen zugesetzt. Nach einem Tag ölen sieht das Boot wieder aus wie neu.

Und jetzt geht’s weiter in Richtung Chalkida. Die Brücke wird nacht‘s geöffnet, das Passieren soll ein rechter Aufwand sein. Wir werden sehen!
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